Oldenburg/Groningen. Erste Ergebnisse einer grenzüberschreitenden Zusammenarbeit zwischen dem Universitair Medisch Centrum Groningen (UMCG) und dem Klinikum Oldenburg wurden in dieser Woche vorgestellt. Das Fazit fiel überwiegend positiv aus. Ein Beispiel der erfolgreichen Kooperation ist die Herz-Intervention bei Simon Gröhlich, der mit einem Herzfehler auf die Welt kam.
Schon vor der Geburt ihres ersten Kindes mussten sich Claudia und Herbert Gröhlich aus Ostrhauderfehn mit der schlechten Nachricht auseinandersetzen: Bei einer Untersuchung im Klinikum Oldenburg wurde bereits im Mutterleib bei dem Kind einen Herzfehler diagnostiziert. Er litt unter einer – in der Fachsprache genannten – Fallot’schen Tetralogie. Dieser Herzfehler beinhaltet einen Defekt der Trennwand zwischen den beiden Pumpkammern des Herzens. Eine Operation war unumgänglich, die Nichtbehandlung hätte zum frühen Tod des Kindes geführt.
Simon war sechs Monate alt, als ihn Ärzte im Universitair Medisch Centrum Groningen (UMCG) im Dezember 2010 operierten. Er gehörte damit zu den ersten Patienten, die im Rahmen der Kooperation behandelt wurde. Die Entscheidung für Groningen war für die Eltern schnell gefallen. „Groningen hatte einen guten Ruf und war für uns mit dem Auto leicht zu erreichen,“ erzählt Herbert Gröhlich. „Simon geht es heute sehr gut. Er macht den gleichen Unsinn, den alle in seinem Alter machen.“
„Wir konnten mit dieser Kooperation im vergangenen Zeitraum mehreren Kindern und ihren Angehörigen aus der Weser-Ems-Region weite Weg ersparen “ erklärt Dr. Reinald Motz, Kinderkardiologe am Klinikum Oldenburg, „bisher haben wir die Kinder bis nach Kiel transportiert, um diese äußerst komplexe Behandlung durchführen zu lassen, obwohl mit dem Groninger Herzzentrum eine Einrichtung in unmittelbarer Nähe der Weser-Ems-Region liegt.“ Notfallverlegungen nach Groningen sind mit dem Fahrzeug möglich. „Im UMCG werden jährlich zirka 350 Operationen bei Patienten mit angeborenen kardiothorakalen Erkrankungen durchgeführt. Gut drei Viertel davon sind Kinder und Neugeborene. Zum Leistungsspektrum gehören unter anderem Katheter-Interventionen, Chirurgie am offenen Herzen und kombinierte Herzlungentransplantationen,“ zählt Prof. Dr. R.M.F. Rolf Berger, Chefarzt in der Kinderkardiologie des UMCG auf. Bisher haben die Groninger Ärzte über 20 Kinder aus der Weser-Ems-Region und Bremen operiert. Die Nachsorge erfolgt dann wieder im Klinikum Oldenburg.
(V.r.n.l.): Claudia und Herbert Gröhlich mit Simon, Prof. Dr. RM.F. Rolf Berger, Chefarzt Kinderkardiologie, UMCG Universitair Medisch Centrum Groningen, Karsten Eger, Dr. Reinald Motz, Kinderkardiologe, Kinderklinik Klinikum Oldenburg, Prof. Dr. Tjark Ebels, Facharzt für Kongenitale Herz- und Thoraxchirurgie, UMCG und Tanja Harfst, AOK Niedersachsen in der Kinderklinik des Klinikums Oldenburg.
Foto: Privat
Ein Problem bei grenzüberschreitenden Behandlungen ist bisher aber die Kostenübernahme durch die Krankenkassen. Oft schreckt ein hoher bürokratischer Aufwand ab, da bei einer Behandlung im Ausland ein Extra-Antrag auf Kostenübernahme gestellt werden muss. Das hängt aber von der jeweiligen Krankenkasse ab. Schon seit Beginn ist die AOK Niedersachsen dieser grenzüberschreitenden Kooperation beigetreten und damit hat sich für Eltern betroffener Kinder bei der AOK viel vereinfacht. Die Eltern müssen keinen Antrag für die Behandlung im Ausland stellen. Eine standardisierte Beantragung der Auslandsbehandlung erfolgt vom Klinikum Oldenburg beim örtlichen Vertreter der AOK Niedersachsen. Die Kostenübernahme ist gesichert. Neun Familien in der Region haben bisher von dieser Kooperation unter vereinfachtem bürokratischen Aufwand profitiert. „Hubschrauberverlegungen sind risikoreicher, medizinisch schwieriger und auch teurer. Im Notarztwagen ist eine gegebenenfalls notwendige medizinische Betreuung während des Transportes möglich. Eine wohnortnahe Versorgung und kürzere Transportwege sind für die kleinen Patienten besser und auch für die Angehörigen wird dadurch vieles einfacher. Somit steigt die Kundenzufriedenheit, wir als Krankenkasse haben Kostenvorteile – also profitieren alle Beteiligten davon.“, erklärt Tanja Harfst, AOK-Regionalbereichsleiterin stationäre Versorgung, die Beweggründe zum Mitmachen. Abgerechnet wird übrigens zwischen der AOK Niedersachsen und dem Klinikum Oldenburg, das wiederum mit dem UMCG abrechnet. Seit neuestem ist auch die hkk mit von der Partie. „Auch die hkk möchte ihren Mitgliedern diese Möglichkeit der Behandlung in Groningen ohne großen bürokratischen Aufwand anbieten,“ meint Karsten Eger von der hkk.
Am Ende sind sich alle einig: Die Zusammenarbeit klappt hervorragend. Jürgen Kruse, Abteilungsleiter der Patientenverwaltung im Klinikum Oldenburg: „Für die Zukunft wünschen wir uns, dass auch andere gesetzliche Krankenkassen aus der Region bei der Kooperation mitmachen.“ Kapazitäten für weitere Patienten aus der Weser-Ems-Region hat das UMCG auf jeden Fall. Im Jahr der Einrichtung der European Medical School ist diese grenzüberschreitende medizinische Kooperation zwischen den beiden Kliniken aus Oldenburg und Groningen ein gutes Vorzeichen für zukünftige Zusammenarbeit.
Hintergrundinformation Angeborene Herzfehler
Angeborene Herzfehler sind relativ häufig. In Deutschland kommen ungefähr 6.000 Kinder im Jahr mit einem angeborenen Herzfehler auf die Welt. Die Überlebensrate der Patienten mit einem angeborenen Herzfehler hat sich in den letzten Jahrzehnten stark verbessert. Nicht nur durch neue chirurgische Techniken, sondern auch aufgrund von Katheter-Interventionen, verbesserter Diagnostik und postoperativer Pflege. Aufgrund des Erfolges der Herzchirurgie bei angeborenen Herzfehlern von Neugeborenen und Kindern gibt es jetzt immer mehr Erwachsene mit einem (korrigierten) angeborenen Herzfehler. Diese Patienten kommen jahrelang mit einer gewissen Regelmäßigkeit zur Kontrolle und müssen sich oft auch später, wenn sie älter sind, noch Behandlungen unterziehen.


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